Profisport in Deutschland: Wo bleibt die Genderdebatte?

Spielerinnen der Berliner Handballmannschaft Spreefüxxe können Lebensunterhalt durch Profisport nicht finanzieren

Berlin, den 20. Mai 2015. - Am 30. Mai spielen der VFL Wolfsburg und Borussia Dortmund um den DFB-Pokal in Berlin. Für die Kicker aus der Autostadt ist eine Art Double möglich: Wolfsburg kann seiner Frauen-Mannschaft folgen, die den DFB-Pokal schon gewonnen hat – immerhin zwei Millionen Zuschauer haben das Pokalfinale der Frauen vor wenigen Wochen an den Bildschirmen verfolgt. Zahlen, über die der Männerfußball lächelt. Aber dennoch Zahlen, von denen andere Frauensportarten nur träumen können. Der Damenhandball zum Beispiel. Am 15. und 16. Mai wurde der Pokal im Damenhandball entschieden. Statt TV gab es einen Internetstream.

Bis zum Pokal-Halbfinale war eine Berliner Mannschaft dabei: Die Füchse Berlin, genannt Spreefüxxe. Erst in der vergangenen Saison gelang der Aufstieg in die erste Frauen-Handballbundesliga, und nun zählen die Berlinerinnen zu den besten vier Teams im Pokal - eine kleine Story of Success. Für die Entwicklung der Mannschaft spricht auch, dass mittlerweile drei Spielerinnen in die Nationalmannschaft berufen wurden. Sportlicher Erfolg hin oder her, die Spreefüxxe sind in Geldnöten. Fast permanent. Ein Grund: „Es ist eben nur Frauensport“, sagt Britta Lorenz. Sie ist die Managerin des Teams. Und sie klingt bitter. Man bewege sich im Profisport, und doch seien die finanziellen Mittel eher mit einer Amateurmannschaft vergleichbar. „Bei den Männern bekommt jeder sechstklassige Fußballspieler mehr Geld als meine Nationalspielerinnen.“

Nicht nur bei ihr, im deutschen Damenhandball könne man generell nicht davon leben, Profisportler zu sein. „Wir haben in Deutschland schon so lange eine Diskussion über die ungleiche Bezahlung und die generelle Benachteiligung der Frau in der Gesellschaft. Der Profisport hat den Anpfiff aber wohl verpasst. Wo bleibt hier die Genderdebatte? Leisten die Handball-Frauen weniger als die Handball-Männer?“

Füxxe-Torhüterin Julia Plöger (27) beispielsweise arbeite 30 Stunden pro Woche als Physiotherapeutin in einer Praxis. Nebenbei fordert das Handball-Training sieben Mal pro Woche jeweils zwei Stunden Zeit, dazu kommen die Spiele am Wochenende – bei Auswärtsspielen mit dem entsprechenden zusätzlichen An- und Abreiseaufwand. „Man muss seinen Sport extrem lieben und auf vieles verzichten, nur dann geht das mit der Doppelbelastung“, sagt Plöger. Körperlich müsse sie immer wieder über ihre Grenzen hinausgehen. „Am Ende zählt nicht, ob du von deinem normalen Job müde bist. Am Ende zählt nur die Leistung im Tor.“

Oder Nationalspielerin Christine Beier (31) – sie ist Polizeikommissaranwärterin und studiert dafür an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Kernstudienzeit ist Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr. In den Abendstunden trainiert sie jeden Tag mindestens einmal, wenn möglich zweimal. Plus Bundesliga-, Pokal- und Länderspiele. Klar: Der Sport mache Spaß. „Wenn es uns nur um das Finanzielle ginge, würde wahrscheinlich keine von uns Handball spielen“, sagt Beier. Aber: „Es ist natürlich schon frustrierend zu sehen, wie wenig Geld es im Frauenhandball gibt.“ Ihr Verein sei wirtschaftlich derart herausgefordert, dass man selbst bei vermeintlichen Kleinigkeiten wie Nahrungsergänzungsmitteln bei Sponsoren anklopfen müsse. 

Sponsor ist hier die Berliner Online-Apotheke Aponeo. Bei Aponeo arbeiteten weit überwiegend Frauen, auch unter den Kunden seien deutlich mehr Frauen als Männer. „Insofern unterstützen wir den Berliner Frauensport gern“, sagt Konstantin Primbas. Er ist Gründer und Inhaber von Aponeo. Es freue ihn, dass die Leistungskurve der Spreefüxxe nach oben zeige. Aber: „Leistung wird im Frauensport nicht so honoriert, wie es eigentlich angebracht wäre.“ Nicht nur im Damen-Handball. Primbas habe beispielsweise gehört: „Als Turbine Potsdam vor einigen Jahren die Champions League im Frauenfußball gewonnen hat, hat es wohl rein gar nichts für die Spielerinnen gegeben. Man stelle sich das im Männerfußball vor.“

Auch strukturelle Unterschiede sehe er. „Die medizinische Abteilung im Damenhandball kann man nicht mit den Abteilungen vergleichen, wie wir sie beispielsweise im Männerfußball haben“, so Primbas. Er muss es wissen: In der Vergangenheit habe Aponeo die Herren-Mannschaften von 1. FC Union Berlin, Hertha 03 Zehlendorf sowie Tennis Borussia unterstützt. Seit der Saison 2009/2010 engagiert sich der Apotheker nun aber im Sport hauptsächlich für die Spreefüxxe. Natürlich sei immer ein wenig wie der Vergleich von Äpfel und Birnen, wenn man Fußballmänner in Kontrast zu Handballfrauen setzt. Aber auch innerhalb des Handballs gelte: „Die Unterschiede sind groß. Es braucht einfach mehr Öffentlichkeit“, meint Primbas, „wenn die Frauen hier nach vorne kommen wollen.“

Ilse Hartmann-Tews, Professorin für Soziologie und Genderforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln, findet noch drastischere Worte: „Die Medien berichten nur selten über den Frauensport: 85 Prozent der Sportberichterstattung in Tagespresse ist über den  Männersport.“ Dadurch seien selbst absolute Spitzensportlerinnen eher unbekannt. Und wer hierzulande im Sport für die Öffentlichkeit unsichtbar bleibe, der müsse mit ökonomischen Nachteilen rechnen. „Die Gehälter oder Siegprämien sind in den meisten Fällen niedriger als bei den Sportlern, auch Sponsoringverträge sind viel seltener oder spielen eher geringe Summen ein. Popularität und mediale Reichweite wirken sich nun einmal auf den Marktwert von Sportlern aus, und Frauen sind hier entsprechend im Hintertreffen.“

Natürlich gebe es immer wieder Ausnahmen, wo es in Deutschland zumindest eine etwas größere Öffentlichkeit gibt. Der Frauenfußball sei hier ein Beispiel. Die Weltmeisterschaft 2011 im eigenen Land hat einige Spielerinnen und den Frauenfußball insgesamt beflügelt. Trotzdem bleibt auch der Frauenfußball eine Ausnahme auf eher kleinem Niveau. „Abgesehen von Pokalendspielen oder einigen Länderspielen läuft auch der Frauenfußball meist unter dem medialen Radar“, so Hartmann-Tews.

Spreefüxxe-Managerin Britta Lorenz sieht einen ähnlichen Zusammenhang von Öffentlichkeit und Finanzkraft: „Es gibt ein krasses Ungleichgewicht in der Medienberichterstattung. Daraus folgt eine ungleiche monetäre Ausstattung der Männer- und Frauen-Mannschaften und daraus wiederum eine ungleiche Bezahlung.“ Das sei bedenklich. „Das sollte es in einer modernen Gesellschaft nicht geben.“ In jedem skandinavischen Land gebe es diese Unterschiede in der Bezahlung zwischen Männern und Frauen nicht. „In Deutschland ist für Frauensport wohl kein Platz. Das ist traurig, aber wahr.“ So dankbar sie für die Unterstützung der Berliner Wirtschaft sei, eine dauerhafte Lösung sei das nicht. „Das Thema müsste auf die politische Tagesordnung.“

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Foto: Nationalspielerin Christine Beier im Spiel um Platz 3 des DHB-Pokals (Foto Marcel Knuth)

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