BVDVA-Kongress 2016: Zwischen E-Commerce und Politik

• Logistik im Wettbewerb der Versandapotheken entscheidend • Einführung des eRezeptes frühestens 2019 • Praxisbeispiel Estland: 98 Prozent aller Rezepte werden digital verschrieben

Berlin, 02. Juni 2016 – Einfacher zu bedienen und vor allem schneller – so sollen Versandapotheken in Zukunft sein. In erster Linie sind es daher Fragen der Logistik, die auf dem diesjährigen Kongress des Bundesverbandes der Deutschen Versandapotheken (BVDVA) diskutiert werden. „Logistik wird immer stärker der Differenzierungsfaktor für Versandapotheken sein", bringt es Thomas Königs vom Versand- und Logistikdienstleister DHL Paket auf den Punkt. Dass zudem das elektronische Rezept den Auslieferungsprozess sowohl erheblich beschleunigen als auch vereinfachen würde, darüber sind sich die Branchenmitglieder einig. Umso größer ist das Unverständnis, dass mit der Einführung des eRezeptes laut Norbert Paland vom Bundesgesundheitsministerium (BGM) frühestens 2019 gerechnet werden kann.

Logistik als Wettbewerbsvorteil 

„Was können Versandapotheken dem Branchenprimus Amazon entgegensetzen?" Mit diesen Worten eröffnet Hartmut Deiwick, kaufmännischer Leiter von Aponeo einen gemeinsam mit Königs gehaltenen Workshop. In der darauffolgenden Debatte wurden als zentrale Faktoren der Kundenbindung die Liefergeschwindigkeit sowie die Einflussnahme der Kunden auf den Lieferprozess herausgestellt. Schon jetzt nehme der Verbraucher Same-Day-Delivery, also die Auslieferung bestellter Ware am gleichen Tag, als eine Selbstverständlichkeit wahr, die in anderen Online-Handelssegmenten nicht mal mehr einen Aufpreis erfordere, so Königs. Versandapotheken scheinen hier einen Trend zu verpassen. Nicht so Aponeo, die als erste Versandapotheke rezeptfreie sowie rezeptpflichtige Medikamente taggleich innerhalb Berlins ausliefert. Auf die Frage Deiwicks, ob andere Versandapotheker taggleiche Lieferung anbieten würden, herrscht im Publikum Schweigen. „Dadurch, dass andere Versandapotheken Same-Day-Delivery nicht anbieten, ist dies für uns ein enormer Wettbewerbsvorteil", so Deiwick. „Eure Untätigkeit ist unser Alleinstellungsmerkmal“. Ebenso sollte die Auslieferung an einem Wunschtag oder in einem bestimmten Zeitfenster von der Branche stärker diskutiert werden.


Hartmut Deiwick und Thomas Königs beim BVDVA-Kongress am 1. Juni 2016 in Berlin (Foto: BVDVA)

E-Health-Gesetz ohne eRezept

Ein weiteres Kernthema des Kongresses ist das eRezept. Bereits jetzt befürwortet jeder dritte Deutsche die Umstellung auf elektronische Rezepte. So lautet ein zentrales Ergebnis einer Befragung, die der BVDVA gemeinsam mit YouGov-Deutschland durchgeführt hat. Dennoch räumt der Gesetzgeber der Einführung des eRezeptes keine Priorität ein. So ist im vom Bundestag verabschiedeten E-Health-Gesetz kein eRezept berücksichtigt. Wie Paland vom BGM in seiner Rede am Vormittag des ersten Kongresstages darlegt, wird zunächst die Implementierung eines Medikationsplans verfolgt. Frühestens 2019 könne daher erst mit dem eRezept gerechnet werden. Ein digitales Rezeptformat könnte die Entwicklung des Versandhandels wesentlich vorantreiben. Denn wie die YouGov-Studie ebenfalls ergab, wird die Komplexität des Rezepteinreichens von den Befragten am zweithäufigsten als Argument gegen den Online-Kauf von rezeptpflichtigen Medikamenten ins Feld geführt.

Wer hat Angst vor Digitalisierung?

Auch in der politischen Diskussionsrunde, in denen unter anderem Maik Beermann von CDU, Dirk Heidenblut von SPD und Kordula Schulz-Asche von Bündnis 90/Die Grünen teilnahmen, wird über das Hinauszögern der Einführung des eRezeptes debattiert. Dabei kommen auch Vorbehalte aus der Bevölkerung gegenüber Digitalisierung und Online-Handel zur Sprache. Die Diskussionsteilnehmer schließen sich der Aussage an, dass die Ängste gegenüber der Digitalisierung des Gesundheitssektors nicht von den Versicherten kämen, sondern von den Akteuren des Gesundheitssystems selbst. Es sei demnach nicht die Angst vor dem gläsernen Patienten, sondern vielmehr vor dem gläsernen Arzt, die dazu führe, dass das eRezept Ablehnung erfahre. Zum Schluss wurde angemahnt, gesundheitspolitische Fragen nicht auf dem Rücken digitaler Entwicklungen auszutragen. Wenn sich Deutschland weiterhin der Digitalisierung verschließt, wird es sich langfristig auch vom medizinischen und pharmazeutischen Fortschritt abkoppeln.

Praxisbeispiel Estland

Wie eine Digitalisierung des Gesundheitssektors erfolgreich vonstattengehen kann, legt Artur Novek aus Estland dar, der bei der estnischen Stiftung für E-Health an der Umsetzung der E-Health-Strategie seines Landes beteiligt ist. Seit der Einführung von eRezepten im Jahr 2010 ist die Zahl der Nutzer kontinuierlich gestiegen. Derzeit werden 98 Prozent aller Rezepte digital ausgestellt. Ein wesentlicher Bestandteil der Digitalisierung ist außerdem das Health Information System (HIS). Alle Versorger des estnischen Gesundheitswesens sind mit der nationalen Datenbank verbunden und müssen hier Informationen hinterlegen. Dabei gelte es, eine Balance zwischen Datensicherheit und Anwenderfreundlichkeit zu finden, fügt Novek hinzu. Patienten könnten die Zugriffe auf ihre Daten nachverfolgen und zudem den Zugriff auf bestimmte Daten einschränken.

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